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Training mit Aufmerksamkeitsgestörten Kindern

Im Rahmen einer 3-wöchigen stationären Maßnahme in der ELTERN-KIND-FACHKLINIK TANNENHOF

In den letzten 3 – 4 Jahren beobachten wir eine deutliche Zunahme der Fallzahlen von Kindern und Jugendlichen, die mit den Störungsbildern eines ADHS/ADS zu uns kommen.

Für die dabei betroffenen Eltern und Kinder ist es oftmals zunächst ein weiterer Versuch in einer langen Reihe von Anläufen, Hilfe im Umgang mit den negativen Auswirkungen dieser immer noch teilweise ungeklärten Verhaltens- und Wahrnehmungsstörung zu erhalten. Zwar stellen auch sie die Fragen nach den Ursachen und Auslösern, aber ob neurobiologische Anomalien, Umwelteinflüsse, Ernährung, Schulstress oder vererbte Veranlagungen: Im Vordergrund der Erwartungen steht vor allem der Wunsch nach praktischen Hilfen bei der Bewältigung von häuslichen, innerfamiliären Alltags- und Schulproblemen. Letztlich ist in der Regel das ganze Familiensystem betroffen, wenn es nicht gelingt, die Kinder/Jugendlichen gut zu integrieren und einen konstruktiven Umgang mit ihrer Störung zu entwickeln. Leidensdruck und Erwartungshaltung sind dementsprechend groß und gesundheitsgefährdend nach ICF.

Die rasante Entwicklung der Neurobiologie und speziell der neueren Hirnforschung in den letzten Jahren hat zu einer erheblichen Verbesserung der differenzialdiagnostischen Verfahren und damit auch zu fundierteren, breiteren und neuen Behandlungsmöglichkeiten geführt.

Die immer wieder gerade von Eltern sehr skeptisch beäugte, oftmals aber nicht vermeidbare Pharmakotherapie, wird inzwischen standardmäßig durch Spiel-, Verhaltens- und immer differenziertere Psychoedukative Verfahren ganz individuell komplettiert. Gerade die Systemische Familientherapie bietet eine Vielzahl zusätzlicher Handlungsansätze, die speziell im Kontext einer stationären Eltern-Kind-Maßnahme angewandt und umgesetzt werden können. Wir gehen in der Eltern -Kind- Fachklinik Tannenhof von einem multifaktoriellen Ursachenspektrum aus und bieten ein entsprechend individuelles klientenorientiertes Therapieprogramm für Erwachsene und Kinder/Jugendliche an.

Fallbeispiel

Am Beispiel des 11-jährigen Joshua K., der im Sommer letzten Jahres mit seiner Mutter, der 4-jährigen Schwester Sandra und dem 3-jährigen Bruder Patrick zu uns kam, läßt sich meines Erachtens nach anschaulich darstellen, wie eine indikations- und familienorientierte Therapie bei einer AD(H)S Diagnose hilfreich umgesetzt werden kann.

Laut Einweisungsattest wurde bei Joshua vor 3 Jahren in einer Heidelberger Kinderarztpraxis die Differenzialdiagnose:
– F90.1 Hyperkinetische Störung mit Störung des Sozialverhaltens, gestellt.

Insbesondere zur Reduzierung der Schulschwierigkeiten, – die sich nicht nur in Form schlechter Noten und einer erneut gefährdeten Versetzung darstellten, sondern auch im Sozialverhalten gegenüber Geschwistern, – wurde vor einem Jahr eine Pharmakotherapie begonnen; diese musste 3 Monate vor Beginn der stationären Massnahme wg. unerwünschter Nebenwirkungen (Schlafstörungen) umgestellt werden.

Die schulischen Probleme (v.a. Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer und Ablenkbarkeit) hatten sich danach minimal gebessert.

Im Rahmen der Aufnahmeuntersuchung wurde aufgrund der Einweisungsdiagnose folgender Therapieplan erstellt:

Eine Fortsetzung der Ergotherapie wurde alternativ zur Psychomotorik in Erwägung gezogen, letztlich aber aufgrund einer Therapieresistenz bei J. nicht durchgeführt.

Das Elterntraining

Es basiert vom Ansatz her und seinen zentralen Inhalten auf den „Hilfen bei hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten“ nach Döpfner, Schürmann und Lehmkuhl und wurde hausintern für den stationären Kontext einer 3-wöchigen Eltern-Kind-Maßnahme angepasst. Der zeitliche Rahmen umfasst 3 Sitzungen à 1,5 Zeitstunden mit zusätzlichen „praktischen Trainingseinheiten“ für Mutter und Sohn während des Alltages innerhalb der stationären Maßnahme. Im Mittelpunkt stehen neben der Wissensvermittlung die Einführung und Einübung von verschiedenen Verstärkersystemen und eine praxisnahe Kompetenzförderung der Eltern.

Das Familiensystem

38-jährige Mutter, in zweiter Ehe verheiratet; die beiden jüngeren Kinder stammen aus dieser Ehe; die Mutter selbst zeigt alle Symptome eines ADHS; Einweisungsdiagnose der Mutter: Erschöpfungssyndrom; Depression; Partnerkonflikt. Die Mutter bearbeitete in sozialtherapeutischen Einzelgesprächen ihre Partnerkonfliktsituation; am Ende der Maßnahme fand ein Familiengespräch statt, zu dem der Ehepartner (Stiefvater von J.) eingeladen wurde. Aufgrund der deutlich eingeschränkten Befindlichkeit der Mutter konnten zu Beginn der Massnahme die im Elterntraining besprochenen Verstärkersysteme nur teilweise umgesetzt werden. Die fortlaufende Pharmakotherapie des Sohnes wurde zunächst auch nur teilweise von der Mutter überwacht/durchgeführt; zeitweise war Joshua selbst dafür zuständig, was dazu führte, dass sie nicht immer kontinuierlich durchgehalten wurde. Hierzu erfolgte eine kinderärztliche Beratung von Mutter und Sohn über Wirkweise und Regelmäßigkeit von pharmakologischen Interventionen. Joshuas Konzentrationstraining fand im Rahmen von 5 Kleingruppensitzungen mit jeweils 2 – 3 Kindern parallel zum Elterntraining seiner Mutter statt. Therapiestunden und Trainingseinheiten waren klar strukturiert und beinhalteten vornehmlich die

Ziele

Innerfamiliäre Deeskalation, Entwicklung und Förderung eines sozial-kognitiven Modells kompetenten Handelns; wahrnehmen/entschlüsseln von Handlungsreizen; Interpretieren lernen; suchen nach Verhaltensalternativen; Reaktionsauswahl (nach Klärung der Folgen einer Verhaltensweise);

Ausführung einer Reaktion: Bedachtheit – Reaktionsverzögerung – Unterdrückung ungünstiger Reaktionen.

Fazit

Joshua kann nicht im klassischen Sinne von seiner ADHS geheilt werden – aber sowohl er selbst, als auch seine Familie haben in den 3 Wochen ihres Aufenthaltes in der Eltern-Kind-Fachklinik Tannenhof lt. eigener und Fremdeinschätzung Erfahrungen und Instrumente vermittelt bekommen, die die Chance zu einer künftig entspannteren Alltagsbewältigung und eine positive Prognose für die weitere schulische Entwicklung bieten. Beziehung und Verhalten zwischen den einzelnen Familienmitgliedern haben sich wesentlich entkrampft und wurde möglich, verbindliche Absprachen zu treffen und deren Einhaltung/Umsetzung zu trainieren. Joshua machte deutliche Fortschritte bei der Entwicklung eigenverantwortlichen Verhaltens; Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit verbesserten sich; nicht zuletzt auch aufgrund einer Steigerung seines Selbstwertes und seiner Selbstsicherheit. Neben einer bis dato überwiegend negativen Wahrnehmung gelang es der Mutter zunehmend auch die positiven Eigenschaften und Fähigkeiten ihres Sohnes wertschätzend in Sprache und Umgang einfließen zu lassen. Die Basis für eine positive Beziehungsentwicklung wurde neu definiert und die Ressourcen für eine konfliktärmere Zukunftsbewältigung reaktiviert.

... und in eigener Sache

Joshua mit seiner Familie ist nur eines von zahlreichen Kindern, die im Rahmen einer stationären Eltern-Kind-Maßnahme und damit in einem vergleichsweise sehr kurzen Zeitraum, eine Umkehr ihrer oftmals sehr leidvollen Geschichte erfahren haben; und diese Chance sollten alle Kinder mit AD(H)S haben.

Todtnauberg 2008