Anti-Angst-Training während einer 3-wöchigen Eltern-Kind-Maßnahme
Annette Ehret, Psychologische Psychotherapeutin
Fachklinik Ursee, Lenzkirch
Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Frauen erkranken circa zweimal häufiger als Männer. Angsterkrankungen können das tägliche Leben nachhaltig beeinträchtigen. Eine Eltern-Kind-Maßnahme stellt sich als gute Gelegenheit dar, betroffenen erwachsenen Patientinnen und Patienten in dieser Hinsicht Information und Unterstützung bezüglich der Bewältigung von Angst und Panik zu geben. Im Folgenden werden Ihnen die Grundpfeiler des Anti-Angst-Trainings vorgestellt.
Was ist Angst?
- Angst ist ein normaler und notwendiger Teil unseres Lebens und unserer Persönlichkeit.
- Angst tritt in der Regel als Reaktion auf bedrohlich erlebte Ereignisse auf (Alarmsignal)
- Angst äußert sich auf 3 Ebenen; in unserem Verhalten, unseren Gedanken und unseren körperlichen Reaktionen.
- Angstreaktionen können sehr unterschiedlich aussehen.
Angst wird zur Krankheit, wenn…
- sie zu häufig und zu lange auftritt
- sie unangemessen stark ist
- man das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren
- man Angstsituationen vermeiden muss
- man stark unter ihr leidet
Das Anti-Angst-Training richtet sich an Patientinnen mit Panikstörung (mit oder ohne Agoraphobie) sowie an Patientinnen mit spezifischen Phobien (z. B. soziale Phobie, Angst vor Dunkelheit etc.)
Begriffsbestimmung
Panikstörung
Personen mit einer Panikstörung erleben bestimmte körperliche und kognitive Symptome, die als Panik erlebt werden. So zeigen sich typischerweise Herzklopfen, Atemnot, Benommenheit, Schweißausbrüche und weitere Anzeichen.
Das intensive Erleben dieser körperlichen Symptome bringt wiederum auf der kognitiven Ebene Bewertungen der Situation mit sich. Die Betroffenen befürchten die Kontrolle zu verlieren, verrückt zu werden oder gar zu sterben.
Eine Panikstörung wird diagnostiziert, wenn wiederholt plötzliche und unerwartete Panikzustände, wie oben beschrieben, auftreten.
Spezifische Phobie
Spezifische Phobien sind ausgeprägte Ängste, die sich auf einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Situation beziehen. Diese Ängste werden in unangemessener Form erlebt, sind also übertrieben und/oder unbegründet.
Als behandlungsbedürftige Form der Angst wird eine spezifische Phobie dann diagnostiziert, wenn durch sie das tägliche Leben stark beeinträchtigt und eingeschränkt wird.
Typische Formen spezifischer Phobien sind situative Phobien (Höhe; Dunkelheit, Flugzeug), Tierphobien (Spinnen) oder Umweltphobien (Gewitter, Wasser). Auch bei dieser Form der Angst spielen die Kognitionen, in Form katastrophierender und generalisierender Gedanken, eine bedeutende Rolle.
Generalisierte Angst erkennt man an
- über langen Zeitraum andauernde Ängste, Sorgen und Befürchtungen
- körperlicher Unruhe, Schlafstörungen, Unfähigkeit zu entspannen
- vielfältigen körperlichen Symptomen, wie Schwitzen, Herzrasen, Magenbeschwerden, Übelkeit, Erstickungsgefühle und Schwindel.
Weitere Angststörungen
Die Agoraphobie (Platzangst)
Unbegründet starke Angst vor Plätzen, Menschenmengen, Verkehrsmitteln, Angst zusammenzubrechen.
Die soziale Phobie
Angst im Umgang mit anderen Menschen. Z.B. Redeangst
Ätiologie
Insgesamt sind noch nicht alle relevanten Zusammenhänge, die zur Entstehung einer Panikstörung bzw. Angststörung beitragen, hinreichend bekannt. Es wird als gesichert angesehen, dass komplexe psychologische, aber auch biologische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Wichtiger Ansatz bei der Erklärung von Entstehung von Panik und anderen Angststörungen ist das verhaltenstheoretische Modell: Klassische und instrumentelle Konditionierung sowie weitere Lernvorgänge erklären die Entstehung und Aufrechterhaltung von Panik und anderen Angststörungen, wobei deutlich die Bedeutung interner Auslöser und Kognitionen besteht.
Behandlungsansatz des Anti-Angst-Trainings
Psychoedukatives Programm
Die Bausteine und die Organisation des Anti-Angst-Programms orientieren sich am therapeutischen Leitfaden „Panikstörung und Agoraphobie“ von Sigrun Schmidt-Traub (Hogrefe, 2000).
Das Programm der Fachklinik Ursee ist dahingehend modifiziert, dass es im Rahmen einer 3-wöchigen Mutter-Vater-Kind-Maßnahme durchgeführt werden kann.
Anlässlich des relativ kurzen Zeitraums sind die Grenzen eines solchen Programms bekannt, dennoch ist der Wert von Informationsvermittlung und dem Erlernen erster Bewältigungsstrategien von Panik und Angst ersichtlich.
Die Inhalte des Angstbehandlungsprogramms bedienen sich verhaltenstherapeutischer Methoden:
- Informationsvermittlung zur Erweiterung des Wissensstands bezüglich Angst und Panik.
- kognitive Umstrukturierung zum Abbau von angstauslösenden bzw. angstverstärkenden Gedanken.
- Expositionsübungen in vivo und in sensu.
- Relaxationstechniken zur Abschwächung des physiologischen Erregungspegels.
- Atemtechniken zur Vorbeugung von Hyperventilation
- Bewegungstherapie, insbesondere Ausdauersport wie Walking, zur Verringerung des Erregungsniveaus.
Oben genannte Methoden haben sich bei Panik und spezifischen Phobien als wirkungsvoll erwiesen (Schmidt-Traub, 2000).
Das Programm stellt sich als Modulprogramm dar und wird als Gruppenangebot verordnet.
Quelle:
Hexal-Ratgeber Angst: Angsterkrankungen, Behandlungsmöglichkeiten H.-U. Wittchen…
Bücherempfehlungen für Interessierte:
- Schmidt-Traub, S. (1995). Angst bewältigen. Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie. Berlin: Springer.
- Wittchen, H.-U., Bullinger-Naber, M., Dorfmüller, M. (1995). Hexal-Ratgeber. Angsterkrankungen. Behandlungsmöglichkeiten. Basel: Karger.
- Wolf, D. (1991). Ängste verstehen und überwinden. Mannheim: PAL.
