Unsere kostenlose Hotline:

0800 / 932 11 11

Vater-Mutter-Kind-Kur

Die Mutter-Vater-Kind-Kuren: Rehabilitation und Prävention

Im April 2008 fand in Berlin eine Jahrespressekonferenz statt, die rückblickend die Entwicklung der Gesundheitsreform beleuchtete. So sind seit dem 1.4.2007 Mutter-Vater-Kind-Kuren bekanntlich eine Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Resümee ist eine durchaus positive Entwicklung, denn damals wie heute haben die Eltern-Kind-Kuren einen hohen Stellenwert im Rahmen der Rehabilitations- und Präventionsmaßnahmen. Die Statistik zeigt für das zurückliegende Jahr, dass die Zahl der bewilligten Kuren deutlich gestiegen ist. Dies ist eine durchaus positive Entwicklung und trägt wesentlich zur Erhaltung der Gesundheit insbesondere der Mütter bei. Sich bei diesem Ergebnis beruhigt zurückzulehnen, ist jedoch keineswegs angebracht. Zu groß ist nach wie vor der psychosoziale Stress, unter dem viele Menschen leiden. Die Zahl alleinerziehender Mütter, aber auch Väter, ist keineswegs rückläufig. Die Anspannung in den Familien, die Existenzängste und die innerfamiliären Konflikte bis hin zu den unterschiedlichsten Übergriffen, gehen auch an den Kindern nicht spurlos vorüber. Verhaltensstörungen, Lernschwierigkeiten und psychische Erkrankungen sind die Folgen. Die Eltern sind neben der Erschöpfung oft überfordert und reagieren überschießend. Familien mit einem behinderten Kind sind neben der emotionalen Belastung zusätzlich noch mit einer Fülle von Anforderungen konfrontiert. So musste trotz Steigerung der Kurbewilligungen gleichzeitig aber auch festgestellt werden, dass erkrankte Mütter und Väter immer noch nicht ausreichend versorgt sind. 20% der Mütter z. B. in Deutschland leiden an den unterschiedlichsten Erkrankungen und besonders an psychosozialen Belastungen, wie eine repräsentative Studie belegt. Aber nur wenige gehen in Kur, was vielmals auch auf Informationsmangel zurückzuführen ist. Das Versorgungsprinzip gilt im besonderem Maße: Angeschlagene Gesundheit führt unweigerlich zu einer Erkrankung und dem muss vorgebeugt werden. Körper und Psyche gehören zusammen und bedingen sich gegenseitig. Das gilt auch für die Kinder, deren Gesamtentwicklung gefährdet wird bei schwacher Gesundheit. Und Kinder brauchen Eltern, die den unterschiedlichsten Rollenanforderungen in ihrer Alltagssituation gewachsen sind. Erschöpfung, psychophysische und psychosoziale Belastungen z.B. der Eltern spiegeln sich bei den Kindern wider und beeinträchtigen zusätzlich deren körperliche und seelische Gesundheit.

Wie viele andere Eltern-Kind-Kurkliniken sind auch unsere Fachkliniken ausgerichtet nach dem Prinzip der sog. Salutogenese, d.h. einen ganzheitlichen Therapieansatz. Im ICF-Praxisleitfaden (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) –herausgegeben von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) vom Februar 2008 heißt es wie folgt:

„Die Folgen von Erkrankungen werden im ICF-Modell der funktionalen Gesundheit als das Ergebnis einer Wechselwirkung von Krankheit, Individuum und seinem Kontext dargestellt. Zum Kontext eines Menschen gehören sowohl die Lebensgeschichte und Persönlichkeit als auch die physische und soziale Umwelt. Deshalb richtet sich die rehabilitative Tätigkeit nicht nur an die betroffenen Personen selbst, sondern betrifft auch die Bedingungen, welche die Beeinträchtigungen verstärken oder vermindern. Das kurativmedizinische Handeln wird systematisch erweitert um eine ganzheitliche bio-psychosoziale Betrachtung, bei der die Krankheiten und Krankheitsfolgen in Beziehung zur Biographie und Lebenswelt des betroffenen Menschengesehen werden können.“

Diese durchaus nicht neuen Erkenntnisse sind jetzt in der ICF begrifflich dargestellt und bieten „einen systematischen Ansatz zur Betrachtung der Aus- und Wechselwirkung einer gesundheitlichen Beeinträchtigung. Diese geschieht auf den Ebenen der Strukturen und Funktionen, der Aktivitäten und der Teilhabe an Lebensbereichen einer Person vor dem Hintergrund ihrer Lebenswelt.“

Wesentlich ist, dass der Patient nicht mehr überwiegend „passiver Empfänger von medizinischen Leistungen“ ist, sondern „mit  der Schwerpunktsetzung der Teilhabe im SGB IX wird der Patient darüber hinaus als aktiver Partner gefragt.“

Das ist die Basis, auf der unsere Arbeit aufbaut. Der stationäre Aufenthalt ermöglicht Abstand von zuhause, vom Alltag, erlaubt aufgrund der Distanz einen anderen Blickwinkel auf die eigene Lebenssituation und lässt, da der Druck funktionieren zu müssen wegfällt, Ressourcen, neue Möglichkeiten, hilfreiche Gedanken zu. Ein ganz wesentlicher Baustein im Rehabilitationsprozess sind begleitende therapeutische Gespräche für die Eltern (Paar- oder Einzelgespräche), in denen sich der Patient intensiv mit seinen aktuellen Problemen, Schwierigkeiten, psychischen und psychosomatischen Symptomen, Traumata und Trauer beschäftigt. Er sich darüber hinaus Lösungswege erarbeitet, positiv zukunftsorientiert nach vorne blickt und Zeit für sich selbst findet. Darum ist die ganztägige kinder- und jugendpädagogisch ausgerichtete Betreuung aller Kinder und zusätzliche Behandlung der Kurkinder ein weiterer wichtiger Erholungsaspekt. Besonders Eltern mit behinderten Kindern erfahren Entlastung bei gleichzeitiger optimaler Versorgung, wie sie im Alltag oft fehlt, Themenzentrierte Gesprächsgruppen bieten betroffenen Eltern die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit dieser Thematik, sowie Austausch und Information.

So kam auch Frau K. mit ihrer Tochter und dem schwerstbehinderten Sohn erschöpft in unserer Fachklinik an. In kurzzeittherapeutisch orientierten  Einzelgesprächen setzte sich die Patientin selbstkritisch mit ihrer Vergangenheit wie auch mit ihrer derzeitigen Lebenssituation auseinander. Sie reflektierte ihr eigenes Verhalten und erarbeitete sich gedanklich Lösungswege zur besseren Bewältigung ihrer Konflikte, was zur sichtbaren Aufhellung ihres Stimmungsbildes führte. Der Abstand von zuhause erlaubte ihr manche Entscheidung der vergangenen Zeit bejahend anzunehmen, aber auch selbstkritisch Veränderungsmöglichkeiten zu erkennen. Sie überprüfte ihren Umgang mit den Kindern und erkannte, wo sie dem behinderten Jungen mutiger begegnen und sie ihn erleichtert loslassen konnte. Dies wiederum verbesserte die Mutter-Tochter-Beziehung.

Oder Frau S., die psychisch erschöpft mit ihren beiden Kindern anreiste. In kurzzeittherapeutisch orientierten Einzelgesprächen setzte sich die Patientin mit belastenden Ereignissen der Vergangenheit wie auch mit ihrer aktuellen schwierigen Lebenssituation auseinander. Für ihren an ADHS leidenden Jungen konnten ihr hilfreiche Erziehungs- und Verhaltensstrategien an die Hand gegeben werden. Darüber hinaus gezielte Empfehlungen für Therapie und Beratung.

Lange Zeit wurden Therapieziele primär anhand der Symptome oder der Defizite des Patienten definiert. Mit den Grundgedanken auf denen die ICF basiert – nämlich den Menschen in seinem Lebenskontext, in seiner Ganzheit, in seiner Lebensgeschichte und Persönlichkeit zu sehen – wird das Rehabilitationsziel um die soziale Dimension „Teilhabe“ systematisch erweitert, was den Patient wesentlich stärkt in der Bewältigung seiner Lebenssituation.

„Ein neues Leben kann man nicht anfangen, aber täglich einen neuen Tag!“ ... im Sinne von das Leben aktiv angehen, das bedeutet den Patienten zu stabilisieren in seiner eigenen (wieder)gefundenen Aktivität und gewonnenen Erkenntnissen.

Christiane Becker-Vierling